21 - 10 - 2017

Lesbisch, schwul - und Theologie studieren?

 

Kann man als schwuler Mann, als lesbische Frau, als bisexuell lebender Mensch, als Transgender Pastor bzw. Pastorin der Nordelbischen Ev.-Luth. Kirche sein – und dabei offen und öffentlich leben, selbstbewusst, selbstgeklärt, anerkannt und frei als der Mensch, der/die man ist?

 

Man kann. Viele Schwule und Lesben tun’s, Bisexuelle auch; Transgender freilich kenne ich (bislang) nicht als KollegInnen.

 

Soweit wir es als Konvent schwuler und lesbischer TheologInnen der NEK ‚KonsulT’ überblicken können, entsprechen die 10% Bevölkerungsanteil dem Anteil der schwulen, lesbischen und bisexuellen KollegInnen innerhalb der NEK-PastorInnenschaft (einschließlich der PensionärInnen).
Derzeit leben 14 dieser KollegInnen mit ihrem Mann bzw. ihrer Frau in Eingetragener Lebenspartnerschaft – die so seit 2001 in dieser staatlich legalisierten Form in Deutschland möglich ist. De facto leben etliche von ihnen ihre Partnerschaften jedoch schon bedeutend länger und haben sich zudem als Paare in Gottesdiensten segnen lassen. Einige leben mit ihrem/er PartnerIn und Kindern als Familie zusammen, und viele dieser PastorInnen leben - der nordelbischen Vorgabe der Residenzpflicht entsprechend - im Pfarrhaus inmitten ihrer Gemeinde gemeinsam mit PartnerIn und auch mit Kindern.

 

 

So lapidar, wie es hier beschrieben ist, klingt das alles jedoch viel einfacher, als es auf dem langen Weg bis hierher tatsächlich war:

 

1989 bildete sich in Hamburg der nordelbische schwullesbische PastorInnenkonvent – gegründet von kirchenpolitisch engagierten KollegInnen und von solchen, die in diesem Rahmen Schutz und Hilfe suchten, offenen Austausch und kollegiale Solidarität nach demütigenden Erfahrungen innerhalb der Kirche als Lebensort und Arbeitgeberin.

 

Bald darauf (1991) zog der Konvent die damalige Kirchenleitung der NEK (Leitung Bischof Dr. H.-C. Knuth) in einen Gesprächskontakt zu drängenden theologischen und dienstrechtlichen Fragen. Die Kirchenleitung ließ sich auf die Treffen und Themen ein. An den einmal jährlich stattfindenden Zusammenkünften waren auch engagierte Laien- und Elternvertreter sowie solidarische Hetero-Geistliche der NEK beteiligt.

 

Hieraus entwickelten sich die seit 1994 ebenfalls alljährlich stattfindenden Lebensformen-Tagungen der Ev. Akademie Nordelbien Bad Segeberg, die Studienleiter Dr. R. Sachau zusammen mit dem Konvent KonsulT ausrichtete. Zunächst in vertraulicher Runde, von Jahr zu Jahr aber in zunehmend öffentlich geführtem Diskurs, wurden hier persönlich-biographische, theologische, humanwissenschaftliche, juristische und gesellschaftspolitische Grundlagen erarbeitet. Forderungen nach einer weitgreifenden Lebensformen-Debatte innerhalb der NEK wurden formuliert. Diese wurde dann parallel zu und gemeinsam mit Bad Segeberg geführt – in Kirchenvorständen, Konventen, in der NEK-Synode, in den Fachgremien der Kirchenleitung.

 

Diese Bewegung mündete in die Beschlüsse der sogenannten Lebensformen-Synode 2000. Diese beinhalteten:

 

a) eine (erstmalige!) Schuldanerkennung für alle im Namen der Kirche geschehene Verachtung und Vernichtung gleichgeschlechtlich lebender Menschen.

 

b) eine Selbstverpflichtung als Kirche zur Verhinderung jeglicher weiteren Diskriminierung dieses Personenkreises.

 

c) eine Absage an die negative Bewertung gleichgeschlechtlicher Identität und Lebensführung (Krankheit, Sünde).

 

d) eine Klarstellung, dass gleichgeschlechtliche Identität im Leben der Kirche weder Dienst- noch Ordinationshindernis ist.

 

e) eine Ermöglichung der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare im Gottesdienst unter Wahrung bestimmter Absprache-Voraussetzungen.

 

2008/2009 hat der Konvent KonsulT durch zwei umfassende Anträge an die NEK-Kirchenleitung Einfluss genommen: zum einen auf die Diskussion zur Berücksichtigung dieser in über 20 Jahren erarbeiteten nordelbischen Standards in Text und Geist der entstehenden Nordkirchen-Verfassung; zum anderen auf die durch die Kirchenleitung 2011 beschlossene rechtliche Gleichstellung der Geistlichen und KirchenbeamtInnen der NEK in Eingetragener Lebenspartnerschaft mit ihren verheirateten Hetero-KollegInnen in Hinblick auf Versorgungsleistungen und Hinterbliebenenrecht.

 

Gleichgeschlechtlich lebende KollegInnen leben und arbeiten seither offen in allen Städten und auch ländlichen Regionen unserer Landeskirche. Sie finden sich zudem im gemeindlichen wie übergemeindlichen Bereich auf nahezu allen Ebenen unserer kirchlichen Berufsstände. Und sie organisieren sich – in Netzwerken wie z.B. dem Konvent KonsulT, dem Theologinnen-Konvent, der HUK und LUK, dem Maria-und-Martha-Netzwerk oder innerhalb der MitarbeiterInnenschaft des Kirchenkreises Hamburg-Ost.

 

Anfeindungen - auch der übleren Art: anonym, öffentlich, aggressiv, diffamierend, christlich-fundamentalistisch - gibt es nach wie vor. Dummheit, christlich-evangelische Ungebildetheit und menschliche Verrohung kennen bei manchen ZeitgenossInnen, auch bei Gemeindegliedern, keine Grenzen.

 

Sensibilisierung, innerkirchliche Auseinandersetzungskultur und eine klare christlich-solidarische Haltung stellen sich allerdings weitgehend anders dar als vor 30 Jahren und sind erfreulicherweise fortgeschritten – unter Kirchenvorständen, Mitarbeitenden und Hetero-KollegInnen ebenso wie bei pröpstlichen Vorgesetzten und bei Personen in Kirchenleitung und Kirchenamt.

 

Was hilft: Eine Selbstklärung und freiheitliche Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, ein beherzt-offenes Auftreten, Verbündung mit den richtigen Personen/Netzwerken, fundierte theologische Bildung, u.U. kirchenpolitisches Engagement sowie ein klares, vorbehaltloses Einbeziehen der Vorgesetzten – all dies kann sehr dazu beitragen, dass ich als schwuler, lesbische, bisexuelle/r oder Transgender-PastorIn in der NEK mit Lust und Gewinn (für alle Beteiligten!) diesen zauberhaften, anspruchsvollen Beruf ausüben kann: mit souveräner Haltung, gut eingebunden, unbeschadet, professionell.

Pastorin Tomke Ande und Pastor Nils Christiansen (beide Hamburg) sind Sprecher/in des Konvents schwuler und lesbischer TheologInnen der NEK ‚KonsulT’.

 

 

 

 

 

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